Süddeutsche Zeitung Newspaper, GERMANY, 2012

2012
by Barbara Reiher-Welter
Haute Couture vorm Kochtopf

 

Erstmals in Deutschland: die außergewöhnlichen Modefotografien der deutschen Wahl-Pariserin Cathleen Naundorf, die unbekannte Modelle an prominenten Orten inszeniert.

BARBARA REIHER-WELTER

Ein weiter Weg: vom thüringischen Städtchen Weißenfels in die Metropole Paris. Eine erstaunliche Entwicklung: von der Fotojournalistin zur Modefotografin. Und die Eroberung einer künstlerischen Autonomie, die sich von Auftragsarbeiten für Lifestyle-Magazine zu freien Projekten emanzipiert hat. Die Rede ist von Cathleen Naundorf (Jahrgang 1968). die eine Sonderstellung in der aktuellen Modefotografie einnimmt. Denn anders als ihre zeitgenössischen Kollegen Corinne Day. Terry Richardson oder Juergen Teller huldigt sie einer exquisiten und morbiden Ästhetik, während diese auf ästhetische Provokation setzen.

Dazu kommt ein ungewöhnliches Privileg: Naundorf hat Zugang zu den Archiven der Pariser Design-Elite, ja. darf sich in freier Wahl aller Couture-Modelle bedienen. Und das in exklusiven Pariser Häusern wie Chanel. Dior. Gaultier und Lacroix. beim Newcomer Elie Saab und den italienischen Designern Armani und Valentino. die ihren Sitz ebenfalls in Paris haben, wo die Deutsche nach ihrer Ausbildung in München seit 1998 lebt.

Man kennt Aufnahmen Naundorfs aus der SZ. die sie für eine Backstage-Serie über die Fashion-Shows führender Häuser engagierte. Auch in Glamour und Vogue fielen ihre atmosphärisch dichten Fotos auf. denn der Stil ist unverwechselbar. Jetzt werden mehrere Modestrecken mit Kreationen der führenden Couturiers, insgesamt an die 40 großformatige Polaroids, erstmals öffentlich präsentiert. Bereits technisch eine kleine Sensation, denn gegen den Zeitgeist benutzt Cathleen Naundorf noch immer eine analoge Großformatkamera, wie sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Gebrauch war. Sofern es möglich ist. arbeitet sie auch mit dem teuren Polaroid-Filmmaterial, das seit Anfang der Neunziger nicht mehr hergestellt wird.

Die Aufnahmen zeigen also Unikate im doppelten Sinn: Jede Fotografie existiert nur einmal (mangels Negativ gibt es keine Abzüge) – ebenso jedes der sündteuren Haute-Couture- Modelle, die in wochenlanger Handarbeit hergestellt werden. Das ist ihre Hommage an die klassische Schneiderkunst, die sich heute nur noch eine hauchdünne Oberschicht aus Adel. Filmstars und internationaler Prominenz leisten kann. Bei den fotografischen Unikaten wird nichts digital bearbeitet. Das führt zu charmanten Effekten auf der Bildoberfläche: Manchmal sieht man Flecken und Fehlstellen, als sei Wasser darüber gelaufen, dann wieder gibt es Unschärfen bei den Konturen oder verblasste Farben, die ;in Pionierzeiten der Fotografie erinnern. Doch ironische Brüche gehören zum Konzept der Künstlerin, ebenso wie die vielen optischen Überraschungen auf ihren Bildern.

Manchmal wirken Naundorfs Aufnahmen wie abblätternde Fresken in verfallenen italienischen Palazzi, dann wieder erinnern sie an Renaissancegemälde. Mit manchen Traumbildern zitiert sie poetisch die Romantiker und die Präraffaeliten, aber mit einem schwarzen Vogel auch den Filmregisseur Hitchcock oder das “Frühstück bei Tiffany” mit der heutigen Variante des Kleinen Schwarzen von Philip Treacy/Hubert Barrère.

Schon die Wahl der Locations für die Settings gibt ästhetisch die Richtung vor. denn Naundorf inszeniert ihre Models an ungewöhnlichen Orten in ungewohnten Einstellungen zwischen frontal und angeschnitten, winzig oder zu mehreren. Die Mannequins selbst sind (noch) keine Glamour-Stars der Szene: die Fotografin bevorzugt unverbrauchte Gesichter, häufig init asiatischen oder afrikanischen Wurzeln. Vielleicht ein Relikt an ihre frühen Jahre, als sie mit der Kamera in Regionen wie Sibirien. der Wüste Gobi oder dem Amazonasgebiet unterwegs war. um vergessenen Ethnien nachzuspüren. Ein Modell von Chanel fotografierte sie auf dem Sessel im Atelier der legendären Designerin – und nannte es “Hommage an Horst R Horst”, ihren Mentor, der die Modefotografie des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte – und wie Naundorf aus Weißenfels stammte.

Jede Aufnahme ist präzis komponiert und penibel inszeniert. so dass die eleganten Models alle einen effektvollen Theaaterauftritt haben – sei es in der imposanten Glas-Stahl-Architektur des Grand Palais oder bei der Umarmung mit einer Bodin-Skulptur im Musée Rodin, sei es in einer Bibliothek, wo Elie Saabs Plisse-Robe perfekt zur Geltung kommt, in Gaultiers verwunschenen» Hinterhof-Ambiente oder in der kühlen Großküche des Hotels Plaza Athénée, wo eine junge Dame in rosa Chanel-Robe einen Krebs aus dem Kochtopf fischt…

HAUTE COUTURE – THE POLAROIDS OF CATHLEEN NAUNDORF
Bernheimer Fine Photography | Brienner Straße 7 | bis 4. August 2012 | Di-Fr 10-18. Sa 11-16 Uhr