Photo Klassik Magazine, GERMANY, 2012

2012
by Marc Peschke
Alles ein Versprechen

 

„Haute Couture“, diese Worte haben bis heute nicht ihren Glanz verloren. „Haute Couture“, das steht für feinstes Handwerk, für vollendeten Geschmack, für edle Stoffe und Materialien, für eine lange Tradition. Für Beharrlichkeit. „Haute Couture“ ist nicht für jedermann, im Gegenteil: Es ist die signifikante Idee von „Haute Couture“, exklusiv zu sein.

Fotos: Cathleen Naundorf Text: Marc Peschke

Haute Couture, diese Worte haben bis heute nicht ihren Glanz verloren. „Haute Couture“, das steht für feinstes Handwerk, für vollendeten Geschmack, für edle Stoffe und Materialien, für eine lange Tradition. Für Beharrlichkeit. „Haute Couture“ ist nicht für jedermann, im Gegenteil: Es ist die signifikante Idee von „Haute Couture“, exklusiv zu sein. Genauso exklusiv wie die Mode, die Cathleen Naundorf fotografiert, ist auch ihre bildnerische Philosophie. Mit der Anmutung ihrer Polaroid-Bilder hat sie einen sinnlichen und angemessenen Ausdruck dafür gefunden. Jedes Bild ist ein Unikat. Es zu fertigen ist überaus aufwändig: Es ist eine gleichsam maßgeschneiderte Fotokunst, mit welcher die in Paris (wo sonst?) lebende Deutsche seit einigen Jahren auffällt.

Mit großer Phantasie und Kunstsinn komponiert und inszeniert Cathleen Naundorf ihre Bilder – ohne sich jemals von dem Sujet – der Mode – ganz zu lösen. Das ist in der aktuellen Modefotografie gar nicht mehr selbstverständlich, doch für Naundorf essentiell: Die Üppigkeit der Stoffe, die feinen Schnitte, das Filigrane der handwerklichen Arbeit – das ist ihr Thema. Die Hauptrolle in diesen Bilder spielt die Mode von Dior, Chanel, Elie Saab, Lacroix, Gaultier und Valentino.

Bewusst arbeitet die 1968 in Weißenfels an der Saale geborene Bildkünstlerin mit samtigen Unschärfen, Farbverschiebungen, mit Schlieren, Flecken und Bleichungen. Diese sind den Polaroid-Filmen geschuldet, mit denen sie ausschließlich arbeitet. Surreale Arrangements, zerfließende, weiche, zurückhaltende Farben: Sie fertigt Fotografien, die ihrem Sujet – der Mode berühmter Couturiers – gleichzeitig Ehre erweisen, aber sich im selben Moment auch mit leichter Hand davon distanzieren. Das Ergebnis sind freie Interpretationen, filmisch anmutende Reflexionen, Traumbilder kostbarer Roben und schöner Frauen, die an illustren Orten wie Jean Paul Gaultiers Atelier, Coco Chanels ehemaligem Appartement, im Grand Palais, im Théâtre du Trianon, im Musée Rodin, aber auch in der Großküche des Hôtel Plaza Athénée entstanden sind.

Es ist ein wunderbarer Gegensatz und gleichzeitig ein Miteinander, wie Großformat-Technik und Polaroid-Material hier zusammenspielen. Ihre Bilder wirken ungesehen, wohl, weil Naundorf das Terrain des Fotografischen gerne verlässt. Betrachten wir diese Bilder, denken wir an Filme, an Theaterszenen, an die Malerei des Symbolismus, Spätromantik und Fin de siècle – eine ästhetische Gegenwelt.

Diese Pariser Bilder führen uns in einen anderen, beinahe vergangenen Kosmos. Wir staunen, lassen uns gerne verführen. Denn hier ist alles ein Versprechen, ist Geheimnis, Schönheit und Eleganz. Sie feiern auf feinsinnige Weise die Freiheit, sich von der Wirklichkeit nachdrücklich zu verabschieden.