Die Welt Newspaper, GERMANIA, 2012

2012
by Lorraine Haist
Die Letzte ihrer Art

 

Cathleen Naundorf inszeniert Haute-Couture-Roben in zeitloser Schönheit. Die Fotografin ist Chronistin einer aussterbenden Kunst

LORRAINE HAIST

Cathleen Naundorf hat etwas erreicht, wovon andere Fotografen nur träumen: Seit vielen Jahren ist sie gern gesehener Gast in den Archiven der großen Pariser Haute-Couture-Häuser. Jean-Paul Gaultier, Valentino, Chanel oder Dior vertrauen der Deutschen, die seit 14 Jahren in Paris lebt, ihre größten, aufwendigsten, teuersten Roben an. Für fotografische Inszenierungen, in denen die Zeit ebenso stillzustehen scheint wie in den Ateliers der hohen Schneiderkunst, die im 21. Jahrhundert nur noch für eine Handvoll superreicher Kundinnen nähen, sticken und plissieren.
Mit zeitgenössischen Modeaufnahmen haben Cathleen Naundorfs Bilder wenig gemeinsam. Ihre Kulissen wirken magisch, poetisch, verzaubert; die Models, exotisch und selbstbewusst, scheinen mit Kleid und Kulisse zu verschmelzen. Dass das Ergebnis einzigartig ist wie eine Haute-Couture-Robe, liegt auch an ihrem Bekenntnis zur Analogfotografie: Die stark von Horst P. Horst beeinflusste Naundorf arbeitet ausschließlich mit einer Polaroid-Großbildkamera. Die Polaroids überträgt sie im feuchten Zustand auf Papier, die Spuren, die dieses Vorgehen hinterlässt, beseitigt sie bewusst nicht. Noch nie hat Cathleen Naundorf eines ihrer Bilder retuschiert. Es würde ihm die Seele rauben, findet sie.

DIE WELT: Würden Sie sich als Modefotografin bezeichnen?

CATHLEEN NAUNDORF: Ich bin eine Fotografin, die sich zurzeit stark mit Mode beschäftigt. Für mich muss ein Bild mehr sein als eine Abbildung. Es muss einen Sinn haben und eine Geschichte erzählen – auch dann, wenn Mode darauf zu sehen ist.

Sie haben Malerei studiert und mit Anfang 20 beschlossen, Fotografin zu werden. Wie viel von dieser Vergangenheit findet sich in Ihren Fotografien?

Meine Kompositionen, der Bildaufbau, die Lichtsetzung sind malerisch, die Posen meiner Models sind es auch. Ich bin stark von der italienischen Renaissance beeinflusst. Meine Themen beschäftigen mich lange. Ich mache Zeichnungen, Collagen, habe große Storyboard-Bücher voller Skizzen, in denen ich meine Geschichten aufbaue. Teilweise dauert es bis zur Umsetzung ein, zwei Jahre. Ich nehme mir Zeit, bis ich die richtige Location gefunden habe, das richtige Model, das richtige Kleid.

Inwiefern unterstützt Sie Ihre Kamera bei dieser Arbeitsweise?

Ich arbeite ausschließlich analog, mit einer Plattenkamera, die auf einem Stativ steht und geladen werden muss. Man ist wenig beweglich und muss sich wie ein Maler genau überlegen, was man fotografieren will, wann man das Bild macht und an welchem Ort.

Welche Eigenschaften muss ein Ort haben, damit Sie ihn als Schauplatz für eine Ihrer Fotografien wählen?

Er muss eine Geschichte zu erzählen haben. In meiner Wahlheimat Paris gibt es diese Orte überall – ich muss sie nur entdecken und für mich interpretieren. Paris hat viel Patina, und ich finde es sehr schön, wenn Orte, Landschaften, aber auch Menschen gelebt und ihre Spuren hinterlassen haben.

Sie haben lange Zeit als Reisefotografin gearbeitet. Heute bereisen Sie mit Ihrer Kamera die Welt der Haute Couture. Was fasziniert Sie daran?

Haute Couture ist eine traditionelle Handwerkskunst, insofern verwandt mit meinem Beruf, wie ich ihn verstehe. Dass sie ganz und gar meine Welt ist, erkannte ich, als ich 1997 im Stickereiatelier von François Lesage fotografierte und erlebte, wie dieses Fächerkleid von Jean-Paul Gaultier entstand. Er sagte zu Lesage: ,^8 Fächer will ich auf dem Kleid haben!“, und überall lagen Bücher über Stickereien aus dem 18. Jahrhundert, die Medici, italienische Fächer, chinesische, französische Fächer, Barockfacher. Unglaublich, wie viel Recherche in dem Kleid steckte! Zeichnungen zu machen, Blaupausen, das hatte ich ja auch gelernt. Ich fühlte mich verstanden.

Fühlen sich die Designer, die Ihnen ihre kostbarsten Kleider zum Fotografieren anvertrauen, vielleicht auch von Ihnen verstanden?

Sie waren anfangs sehr überrascht von meiner Arbeitsweise. Wann willst du shooten?“, haben sie gefragt. „Ich habe Zeit, einen Monat, zwei Monate, ein Jahr^‘, habe ich geantwortet. Da haben die alle durchgeatmet, und nach und nach hieß es: ,»Ah, Cathleen, das ist ja toll, wir können uns Zeit lassen!“ In diesen großen Modehäusern konnte man früher ja auch noch anders arbeiten, mit viel mehr Ruhe. Das hat sie sehr berührt, und daraus ist ein sehr fruchtbarer Austausch entstanden.

Sie haben ja nicht nur ein besonderes Verhältnis zu den Couture-Häusem, sondern auch zu Ihren Models.

Ich sehe sie als Persönlichkeiten, die in meinen Bildern weiterleben dürfen. Die meisten galten bei ihren Agenturen als zweite oder dritte Wahl. Ich wollte aber ganz bewusst verschiedene Frauentypen fotografieren, aus Brasilien, aus Japan. Ich bin in meinem Leben zu viel gereist, um diesen Fashion-Stereotypen hinterherzurennen. Gerade bei Mädchen, über die man sagt: „Die ist zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu alt”, denke ich mir: ..Wie bitte?! Ich nehm die!“

So individuell wie Ihre Models gestalten Sie auch die Sets, in denen Sie fotografieren. Hat es eine Bedeutung, dass dort immer wieder Vögel, Federn und Käfige zu sehen sind?

Ein Vogel hat für mich etwas Witziges, Freches, etwas Graziöses und absolut Freies. Vögel waren immer meine Lieblingstiere, als Kind waren sie meine besten Freunde. Ich konnte es nicht ertragen, einen eingesperrten Vogel zu sehen, und habe jeden Käfig aufgemacht. Deshalb werden Sie auf meinen Bildern auch nie einen Vogel im Käfig entdecken.

Wie haben Sie eigentlich Horst P. Horst als Mentor gewonnen?

Ich habe ihn einfach angerufen und gefragt, ob ich ihn mal treffen kann. Er hat gesagt: ,Ja, komm einfach bei mir in New York vorbei.“ Das habe ich getan. Er hat mich gelehrt, mir vor jedem Bild die Frage zu stellen: Was will ich eigentlich zeigen? In der heutigen Zeit, wo jeder meint, er könne alles schnell irgend wie hinkriegen, ist diese Art von Konzentration und präziser Arbeit eine große Herausforderung. Das Ergebnis ist umso befriedigender: Qualität auf hohem handwerklichem Niveau. Wir haben bis zu seinem Tod 1999 zusammengearbeitet. Das war gleichzeitig das Ende einer Ära, er war ein Mensch au< dem 20. Jahrhundert.

Sie leben und arbeiten im 21. Jahrhundert, aber Ihre Bilder erscheinen wie aus anderen Zeiten.

Ich bin trotzdem ein moderner Mensch. Ich habe zum Beispiel ein Faible für moderne Architektur, für Oscar Niemeyer, Sir Norman Foster, Renzo Piano. Was ich am 2L Jahrhundert nicht verstehe, ist die Schnelllebigkeit, die Massenhysterie und Massenproduktion, mit der wir all das zerstören, was wir im 20. Jahrhundert erreicht haben. Ich kann das nicht akzeptieren -insofern sind meine Bilder auch Nachrichten, mit denen ich sage: Ich sehe die Welt, die Mode, die Menschen auf eine andere, ruhige, respektvolle Art. Ihr könnt damit anfangen, was ihr wollt.

Die Haute-Couture-Fotografien von Cathleen Naundorf sind zurzeit in der Ausstellung „Haute Couture – The Polaroids of Cathleen Naundorf” in der Münchner Galerie Bernheimer Fine Art Photography zu sehen (bis 4. August). Der gleichnamige Bildband ist im Prestel Verlag erschienen (49,95 Euro)

ZUR PERSON
Cathleen Naundorf wurde 1968 in Weißenfels/Saale geboren, genau wie ihr Mentor Horst P. Horst. In München studierte sie Grafik, Malerei und Fotografie. Sie bereiste als Dokumentarfotografin die Welt, bevor sie Ende der 90er-Jahre in Paris die Mode für sich entdeckte. Sieben Jahre arbeitete sie an ihrem Fotoband „Haute Couture – The Polaroids of Cathleen Naundorf”.